Paris Brest Paris

Paris-Brest-Paris 2007
Fahrzeug: Leitra Sport modifiziert (Carbon-Hinterbau, mehr liegende Sitzposition), 31 KG , Rohloff, SB Avid BB7,Macrolonscheibe einteilig, Scheibenwischer Eigenbau, Beleuchtung Sigma Power LED und IXON Speed, Akku Li-ion 5500 mA (4 Stück), Schloss,Werkzeug und Ersatzschläuche 1,2 KG, Ersatzreifen, Maltodextrose und andere Getränkepulver 800 Gr.,Gels und Riegel 400 Gr., 3 – 4 Liter Getränke, Jacke, Mütze , Extrashirt, 2 Microfaserterockentücher
Fahrer: immer noch Mikus
vor dem Start
übernachtet habe ich auf einem Campingplatz 20 km vom Startplatz entfernt. Dort waren auch Ymte und Hans (Questfahrer) die einen Rekordversuch starten wollten . Ihr ziel war PBP in weniger als 43 Stunden. Drei motorisierte Teams waren für die Unterstützung an den Kontrollpunkten vorgesehen. Ich hatte vorgesehen ohne Begleitfahrzeug zu fahren. Der Sonntag war geplant für die Fahrzeugabnahme und Ausgabe von Magnetchip und Kontrollbuch. Auf Grund der schlechten Wetterbedingungen wurde die Fahrzeugkontrolle auf den Starttag verschoben. Ich habe die Zeit mit den Niederländern und deren Begleitteams genossen. Einfach eine tolle Gruppe. Gemeinsames Kohlehydratebunkern war angesagt, sprich wir haben ausgiebig und gut gegessen und dabei natürlich auch die französische Küche getestet.
der Start
Volksfest in Guyancourt (Startplatz in einem Vorort von Paris), nach der Fahrzeugkontrolle stand man in einem Vorstartbereich und hatte dort die ersten Kontakte zu anderen Spezialradstartern. Ich hatte mich wie die meistern anderen Spezialräder für die Montagabendgruppe (21.00 Uhr) entschieden. Limit waren für uns 90 Stunden als Gesamtfahrzeit. Nachdem wir unsere Fahrzeuge in den Starbereich gefahren hatten war weiteres Warten angesagt. Leider wollte meine Blase nicht mehr, so dass ich noch mal die Toilette aufsuchen musste. Der Startschuss trieb mich dann aber schnell wieder zur Leitra zurück. Trommler, Dudelsackspieler und ich weiss nicht wie viele Menschen, bejubelten uns bei der Ausfahrt aus Paris. Mit einer Motorradeskorte wurden wir aus Paris herausbegleitet.
die Fahrt
Eigentlich kann man sich nicht verfahren, aber vielleicht war es wegen der Tradition ( ich hatte mich auf jedem Brevet verfahren), auch bei PBP habe ich 30 Kilometer Umweg geschafft. Die Strecke ist hervorragend ausgeschildert mit reflektierenden Pfeilen, aber….. man fährt den anderen hinterher. Und wenn da einer nach links statt rechts abbiegt, fahren alle anderen hinterher. Erst nach etlichen Kilometern, einer Kreuzung und keinen Pfeilen war klar……..?!?!?! Da nach einer Diskussion von Franzosen mit einem Polizisten die Umkehr in die Gegenrichtung nicht angewiesen wurde kamen wir nahe des Ausgangspunktes ab dem wir alleine fahren durften wieder raus und immer noch bogen Fahrer verkehrt ab. Da ich aber Brest irgendwann erreichen wollte hab ich mich doch auf die richtige Route begeben, die ich ab da auch immer wieder gefunden habe (dank hervorragender Organisation und Ausschilderung). Warum es an dieser einen Kreuzung noch nicht war, wer weiss ?. Mit der Dunkelheit kam auch der grosse Regen. Regen (manchmal Sturzflutähnlich) und Sturm liessen nicht die erwarteten Höchstgeschwindigkeiten zu. Besonders bergab trieb mir das geradezu die Tränen in die Augen, wenn die Höchstgeschwindigkeit nicht über 35 Km/h kam , da ich durch den Wind nur hin- und hergeschleudert wurde. Es trotzdem ein tolles Erlebnis die endlosen Schlangen roter Lichter vor sich zu sehen und ein Bestandteil dieser Kette zu sein. Unermüdlich wurden alle Radfahrer durch Franzosen die an jedem Ort der Strecke standen begleitet und durch “Bravorufe” zu Weiterfahrt animiert. Selbst das schlechteste Wetter hielt die Begeisterten nicht von ihrer Profession ab. Viele hatten Stände aufgebaut und betreuten die Radler mit kostenlosen Getränken, Obst oder Kuchen.
die Schmerzen
nach meiner Autofahrt nach Paris hatte ich Schmerzen im Knie, die aber auf dem Campingplatz wieder weg waren und bei Fahrten nicht auftraten. Bei Km 350 war sie wieder da….und das in einer solchen Intension, wie ich es nicht kannte. Ich konnte nicht mehr rund Treten. Unterwegs gab es dann das Schild Pharmacie. Nix wie rein und Medikament besorgen!! Das war mein einziger Fehler auf der Tour. Die Medikamente schlugen mir auf den Magen und ich konnte nicht mehr Essen und Trinken. Alles wurde ich sofort wieder los. Einzig heisse Schokolade ?!? , warum auch immer blieb Drinnen und versorgte mich mit Energie. Das hielt 2 Tage an..,,, nicht so nett. Das Zweite war ein Hautproblem. ich habe nämlich, da ich sehr viel mehr Gewicht hatte, zu viel davon. Folge : eine ca. 8 cm lange Blase im Sakralbereich. Das Dritte war eine scheinbare Entzündung der Archillessehne. Der Bereich war geschwollen, stark schmerzhaft und stark gerötet. Zum Glück gibt es an den Kontrollstellen tolle medizinische Versorgung, die ich dann auch ausgiebig nutzen konnte. Fazit: wenn auch nicht nach der ersten Versorgung, aber am Knie waren die Schmerzen einfach so weg, als wären sie nie dagewesen. Die Archillessehne wurde über ein Pflaster (Tape) entlastet, auch hier war ich dann schmerzfrei. Meine Blase wurde sanft balsamiert und abgedeckt. Die ganze Schmerzproblematik war auch mit durch die hohe Luftfeuchtigkeit von permanent fast 100% entstanden, liess mich aber nie daran Zweifeln die Fahrt zu beenden. Es war nämlich ein Gegengewicht da, sehr viel Freude an dieser Fahrt. Erstaunlich: nach der Fahrt hatte ich keinerlei Schmerzen und später auch keinen Muskelkater oder Ähnliches.
die Kontrollen
an den Kontrollstellen bekam man seinen Stempel in sein Kontrollbuch und die Magnetkarte wurde eingelesen. So konnten die Daheimgebliebenen immer mitverfolgen wo man gerade war. Die Abfertigung war bis auf die Schlusskontrolle (hier habe ich fast 30 Minuten gewartet) sehr zügig. Die Kontrollstellen boten Möglichkeit zum Nahrungsnachschub, Duschen und Schlafplätze und die schon genannte medizinische Versorgung. Auch hier war fast überall Volksfeststimmung. Die Fahrer wurden teilweise durch Gatterspuren in die jeweiligen Kontrollparks geleitet. Rechts und links die Zuschauer und Nachts das dementsprechende Blitzlichtgewitter. Wären nicht die vielen Helfer und Einweiser gewesen, wäre man oft nicht weiter gekommen. Insgesamt gab es 15 Kontrollen und eine Verpflegungskontrollstelle. Zwei dieser Kontrollen waren nicht angemeldet, also nicht vorher angekündigt. Trotz der Masse an Teilnehmern hatte die Organisation geschafft Toiletten und Duschen in noch brauchbarem Zustand vorzuhalten.
der Schlaf
bei 90 Stunden gewerteter Zeit hatte ich 65 Stunden Fahrzeit und 5 Stunden Schlaf. Den Rest habe ich an den Kontrollstellen und bei der medizinischen Versorgung verbracht. Meine Schlafzeit war dreigeteilt. 1 Stunde in der Leitra , 2 Stunden in Brest, 2 Stunden in Tinteniac. Es war gut so zu fahren und ich hatte nicht das Gefühl unkonzentriert oder übermüdet zu sein.
die Zahlen
Gesamkilometer 1227 km + 30 km Umweg + 40 km An- und Abfahrt zum Campingplatz
Höhenmeter über 10 000, flache Abschnitte gibt es so gut wie gar nicht
5254 angemeldete Teilnehmer von denen 3703 gewertet angekommen sind (die Wertungszeit wurde bei den 90 Stunden um 2 Stunden erweitert, da die Wetterverhältnisse so schlecht waren)
206 Spezialradteilnehmer (90 Stundengruppe) 127 wurden gewertet
Ymte hat 53 Stunden gebraucht, Hans ?
bei Kilometer 600 habe ich meine gesamte Spezialnahrung im Müll entsorgt, da ich doch nichts davon gebrauchen konnte
Defekte oder technische Probleme gab es bei mir keine

das Überwältigende
Teilnehmer aus 45 Ländern von allen Kontinenten waren bei dieser Veranstaltung vertreten, bei der die meisten Teilnehmer nicht mehr die jüngsten waren.Der älteste Teilnehmer war 80J der jüngste 18J, wobei das Durchschnittsalter fast 50 J betrug. Ständig animierte man sich gegenseitig, feuerte sich an und freute sich wenn man sich auf der Strecke irgendwo wieder sah. Tandemfahrer waren so meine ständigen Begleiter. Mancher Sozius hat dabei während der Fahrt geschlafen und die Beine automatisch mitbewegt, dabei den Körper an den Fahrer gelehnt. Viele Fahrer haben den Schlafbedarf unterschätzt. Man konnte sie auf der Strasse in Hauseinfahrten nur in eine Aludecke gehüllt liegen sehen….und das bei dem Wetter. Aussergewöhnlich fand ich auch das Pflichbewusstsein der Franzosen bei der Animation der Radfahrer. Da ich eine ganze Weile nichts getrunken und gegessen hatte kam ich an einem Steilstück auf die Idee eine Frau um Brot mit Butter und Salz zu fragen. Sie schickte ihren 5-6-jährigen Sohn ins Haus (200 m entfernt) um ein Brot mit Butter und Salz zu machen und zu bringen. Sie musste weiter jeden ankommenden Radler mit “Bravos” und Klatschen den Berg hochtreiben und konnte ihren Posten nicht verlassen. Zwischendurch fiel ihr ein, dass der Herr ja auch noch was trinken muss und schickte den 4- jährigen los: “Arthur hol doch mal eine kleine Flasche Wasser für den Herrn “ begleitet von ständigem Klatschen und Bravos für die Radfahrer. Sie erzählte mir von zwei Velomobilen, die schon am Vortag hier vorbei gekommen waren (Ymte und Hans), danach war ich das erste weitere Velomobil. Nachdem die Jungs wieder da waren würgte ich mir das Brot mit etwas Wasser runter. Es blieb drin und es ging mir besser. In guter Erinnerung blieben mir auch eine Kassiererin in einem kleinen Supermarkt die singend an der Kasse stand und meine runter gefallenen Weintrauben aß mit dem Hinweiss , dass sie sehr gut seien. Ebenso muss ich an eine verzweifelte Kassiererin denken, die nicht rechnen und mir mein Wechselgeld nicht passend herausgeben konnte. Keine Hektik, keine Panik trotz langer Schlange und eine hilfreiche Kollegin halfen ihr aus der Situation, die völlig normal schien. Diese beiden Geschichten gab es allerdings erst nach PBP. Ich musste dabei nur an die Hektik und den Druck bei uns denken. Ungewöhnlich fand ich, dass sich mit zunehmender Strecke meine Sinne schärften. Geruchs- und Geschmackssinn wurden intensiver. Künstliche Nahrung erzeugte Würgereize, natürliche (Obst etc.) wurde akzeptiert, aber auch erst nach dem Salzbrot. Außergewöhlich fand ich auch das man 100 km hinter Brest nur noch 500 km vor sich hatte. Kurz vor Paris gab es auch noch die Krönung, den steilsten Berg der Tour!!! und in Paris Stau, Umleitung und viele Ampeln und eine leider nicht gesperrte Strecke. Es war ja aber auch auf Grund der zeitlich lang gestreckten Ankunft nicht möglich.
was mir nicht gefallen hat
das keine der von mir an die Organisation geschriebenen Mails vor PBP beantwortet wurde
das ich mich nach PBP in einer langen Schlange anstellen musste um Essen oder trinken zu bekommen, da hier auch andere Besucher bedient wurden.Ich habe darauf verzichtet und bin zum Campingplatz gefahren.

DANK
an alle Helfer und Organisatoren
an alle die an PBP teilgenommen haben und mit denen ich zusammen fahren durfte
an meine Leitra, die mich bis zum Schluss gut und bequem getragen hat
an meine Nase, die den eigenen Gestank so lange ausgehalten hat

und was mach ich als nächstes…………..?